Dr. Hans Bibelriether im Interview

Dr. Hans Bibelriether ist einer der Gründungsväter des Nationalparks Bayerischer Wald. Er war von 1969 bis 1998 Leiter des ersten deutschen Nationalparks, der sich unter seiner Leitung zu einem international bedeutsamen Großschutzgebiet entwickelte. Bibelriether hat die Geschichte des Nationalparks in einem eindrucksvollen Buch beschrieben, das im Juli 2017 veröffentlicht wurde. Es war uns eine große Freude, ihn in Grafenau zum Gespräch treffen zu können.

Danke, dass sie ganz spontan für uns Zeit gefunden haben um etwas über den Nationalpark Bayerischer Wald zu sprechen, der in drei Jahren fünfzig Jahre alt wird. Rückblickend kann man sagen, es war eine sehr schwere Geschichte, aber mittlerweile eine absolute Erfolgsgeschichte.

Dr. Hans Bibelriether: Ja, man muss sagen, damals als der Nationalpark gegründet wurde, da wusste keiner so recht, was ist ein Nationalpark überhaupt. Das Gutachten der Staatsforsten hat den Nationalparknamen bekommen, obwohl eigentlich ein Naturpark geplant war. Das heißt, weiterhin Forstwirtschaft betreiben und auf die Jagd gehen usw.

Als wir dann 1970 hier begonnen haben, uns dann in Europa und in Amerika andere Nationalparke angesehen haben, echte Nationalparke, dann war klar, dass im Grunde der Weg zur Natur ein anderer war, als der, den wir uns mit unseren künstlichen Maßnahmen vorgestellt hatten.

Es ist so, dass ich nach einigen Jahren versucht hab, es zusammenzufassen in den Worten „Natur Natur sein lassen“. Nicht eingreifen und nicht manipulieren, nicht Pflanzen und alles verändern.

Natur Natur sein lassen ist eine gute Sache. Zur Zeit ist ja im Gespräch, in Deutschland Wildnis zu schaffen. Wildnis ist sehr schwierig herzustellen in einem durchkultivierten Land wie Deutschland. Ihr Motto trifft es eigentlich besser.

Dr. Hans Bibelriether: Es ist entscheidend. Man kann nicht künstlich Urwald schaffen und man künstlich nicht Wildnis schaffen. Man kann es nur der Natur überlassen, wie sie sich entwickelt. Es geht nicht anders. Deswegen ist es jetzt sehr positiv, dass Wildnis in Deutschland wieder zugelassen wird. Vor dreißig Jahren war das ein absolut negativer Begriff. Und heute wollen über die Hälfte der Deutschen mehr Wildnis in unserem Land. Deswegen haben Nationalparke die Aufgabe, natürliche Entwicklungen von natürlichen Lebensgemeinschaften zuzulassen.

Sie haben ja in ihrem gerade erschienenen Buch „Natur Natur sein lassen“ die Geschichte des Nationalparks Bayerischer Wald ausführlich beleuchtet. Ich konnte noch nicht alles lesen, aber ich frage mich, wie ist dass, jahrzehntelang gegen massive Widerstände zu arbeiten? Man hat sie als „nationales Unglück“ bezeichnet, sie haben Morddrohungen erhalten. Wie bleibt man da bei der Sache?

Dr. Hans Bibelriether: Ich hatte das Glück, 1945/46 als zwölfjähriger Junge ein Jahr lang nicht in die Schule gehen zu müssen. In dieser Zeit war ich ständig in der Natur unterwegs. Das hat mich mehr geprägt, als neun oder zwölf Jahre Schule. Das war der Grund, weshalb ich dann Forst studiert habe, dann in München an der Uni als Assistent war und in den Bayerischen Wald wollte. Für mich hat die Natur einen besonderen Eigenwert. Wie es auch in der Bibel im 1. Buch Mose steht. Diese Aufgabe, wenigstens ein paar Flächen in unserem Land wieder der Schöpfung zu überlassen, hat mich motiviert.

Wo sehen sie den Nationalpark so relativ kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag?

Dr. Hans Bibelriether: Er ist das großflächigste natürliche Waldgebiet in Deutschland. Auch wenn nach der Erweiterung im Jahr 1997 nochmal 10.000 Hektar dazukamen wo sich eigentlich auch etwas schneller Natur hätte entwickeln sollen. Immerhin könnte es sein, dass zum fünfzigjährigen Jubiläum dreiviertel der Fläche wieder wilder Naturwald sind.

Schätzen die Menschen hier in der Region den Nationalpark? Hat sich die Akzeptanz erhöht?

Dr. Hans Bibelriether: Die Akzeptanz hat sich wirklich erhöht. Im Altparkgebiet zwischen Rachel und Lusen sind inzwischen dreiviertel der Bevölkerung für den Nationalpark. Auch weil sie begriffen haben, was der Nationalpark für die regionale Entwicklung bedeutet. Und weil sie auch eine andere Waldentwicklung erlebt haben. Ich kenne kein Land auf der Welt, wo es so aufgeräumt sein muss im Wald. Dieses Aufräumen hat mit der Natur nichts zu tun. Ein unaufgeräumter Wald ermöglicht einen völlig anderen Blickwinkel. Und diesen Lernprozess habe auch ich durchgemacht.

Nach dem Borkenkäfer hat sich der Wald viel schneller regeneriert, als angenommen. Wenn man heute im Nationalpark unterwegs ist, ist es atemberaubend, diesen wilden Wald zu sehen.

Dr. Hans Bibelriether: Ja, der Borkenkäfer war das größte Problem überhaupt. Doch vieles in der Nationalparkgeschichte war für mich kein Zufall sondern Fügung. Als 1986 die Massenvermehrung des Borkenkäfers so richtig einsetzte, da war gerade sechs Wochen vorher vom Ministerium entschieden worden, dass bei sechstausend Hektar Wald nicht mehr eingegriffen wird. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte man den Käfer auf der Fläche bekämpft und der Nationalpark wäre nicht das geworden, was er heute ist.

Ich muss unbedingt erwähnen, dass es alleine völlig unmöglich gewesen wäre, diesen Nationalpark zu machen. Es war ein Glücksfall, dass ich mit meinem Schulfreund Jörg Sperber zusammen angefangen habe. Einer von uns allein hätte das erste Jahr nicht überstanden. Nach einem halben Jahr hat der Chef der Forstverwaltung schon gesagt, dass es seine größte Fehlentscheidung war, uns zwei in den Bayerischen Wald zu versetzen. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, wenn man ein Netzwerk an Gleichgesinnten hat, den richtigen Minister, Hans Eisenmann, wenn wir ihn nicht gehabt hätten, wäre der Nationalpark nichts geworden. Auch Alois Glück hat sich immer wieder engagiert. Dann Hubert Weinzierl, Bernhard Grzimek und Landrat Karl Bayer, der auch hinter unserer Idee stand. Alleine kann man so etwas nicht schaffen.

Sie sind immer noch tätig im Verein der Freunde des Nationalparks

Dr. Hans Bibelriether: Ja, wir haben 1970, das war ein Glücksfall, ich kannte aus meiner Heimat einen Banker, den Karl-Oskar Koenigs. Er war dann dreizehn Jahre Präsident der Frankfurter Börse. Mit ihm war ich befreundet. Als ich ihm erzählt habe, dass ich in den Bayerischen Wald versetzt wurde, hat er gesagt, wir müssen sofort einen Freundeskreis gründen. Er war kein Bayer, ich musste jemanden suchen, der den Vorsitz übernimmt. Das war dann der Regierungspräsident von Landshut., der sagte, was der Staat nicht kann oder will, das machen wir. Dieser Verein der Freunde hat wirklich entscheidendes geprägt. Wir haben heute noch die Zeitschrift „Nationalpark“, in der wir unabhängig kritische Beiträge schreiben können. Wir haben die Bildungsarbeit im Bayerischen Wald eingeführt. Auch die Ranger hat der Verein am Anfang bezahlt.

Wir verfolgen ja auch die Diskussion um die Schaffung eines dritten Nationalparks in Bayern. Da geht es ja schon wieder los. Man fühlt sich in die siebziger Jahre versetzt. Viele sind für einen Nationalpark, aber bitte nicht bei uns.

Dr. Hans Bibelriether: Ja, die Gegner rücken zusammen. Das sind in Waldnationalparken die Jäger, die Förster und die holzverarbeitenden Betriebe und manche, die einen aufgeräumten Wald wollen. Die Mehrzahl ist für Nationalparke, setzen sich aber bei den Politikern noch nicht durch.

Den Frankenwald zur Diskussion zu stellen halte ich für abwegig. Man muss vorher bestimmte Kriterien festlegen und bestimmte naturnahe Verhältnisse müssen da sein. Eher eignen sich da der Spessart oder der Steigerwald.

Was bedeutet Wald für sie persönlich?

Dr. Hans Bibelriether: Der Wald ist ein Stück ursprünglicher Natur, ein Stück Schöpfung, das in seiner Vielfalt, Schönheit, Erlebnismöglichkeit aber auch praktischen Nutzen sehr bedeutsam ist. Wald ist für mich mehr als die Summe der Bäume.

Natur Natur sein lassen von Dr. Hans BibelrietherDas Buch von Dr. Hans Bibelriether heißt "Natur Natur sein lassen" und ist in der edition Lichtland in Freyung erschienen. (253 Seiten, zahlreiche s/w Abbildungen, 19,80 Euro, ISBN 978-3-942509-61-9)